Climate Dress | Næstved Museum

Climate Dress

VON KLEIDERN, KLIMAPOLITIK UND KRITISCHEM DESIGN

Das dänische Designbüro Diffus Design ist in der Ausstellung 'Pimp Your Ride! - Eine Ausstellung über Kunsthandwerk und Technologie' mit zwei Gegenständen und einer Sammlung von Textilproben vertreten. Dies hat den Zweck zu zeigen, wie die Kombination von Textil, Stickerei und Technologie sich in ihren Designs und verschiedenen Zusammenarbeiten entwickelt hat.

Climate Dress (2009) und die ELAC-Decke (2016) sind beide Gegenstände, dir nicht nur Handwerk und Technologie mischen. Sie sind Gegenstände, die zeigen, wie die Anwendung von Technologie die Möglichkeiten und Grenzen verschieben, was Handwerk sein kann, und zu was es benutzt werden kann. In der Designforschung unterscheidet man zwischen zwei sehr breiten Kategorien: das bestätigende Design und das kritische Design. Bestätigendes Design sind Designgegenstände und -ideen, die nur die Erwartungen, die wie vorab haben, stärken, unterstreichen und erfüllen. Was unsere Dinge sein und können sollen. Kritisches Design dahingegen ist Design, das mit den üblichen Vorstellungen und Annahmen bricht. Die letztere Kategorie ist, wo Diffus zu Hause ist. Durch unmittelbar erkennbare Gegenstände gelingt es den Designern unsere existierenden Vorstellungen und unmittelbaren Überzeugungen, auf den Kopf zu stellen.

Diffus Design wurde vom Architekten Michel Guglielmi und der Kunsthistorikerin Hanne-Louise Johannesen gegründet. Ihre Designarbeiten sind von einem erforschenden und neugierigen Zugang zu Technologien, Materialien und den Zusammenhängen, in denen unsere Dinge eingehen sollen, geprägt. Mit der Kombination aus traditionellem Handwerk und neuen technologischen Möglichkeiten wollen sie Handwerk und Technologie in neue Richtungen schubsen. Dies kommt unter anderen - und sehr deutlich - zum Ausdruck in der Anwendung von intelligenten Textilien. Das Climate Dress, das zur Zeit im Designmuseum Næstved ausgestellt wird, ist ein Beispiel dafür.

Für sowohl das Climate Dress und den übrigen Designprojekten, an denen Diffus arbeitet, ist das Fundament die Kombination aus traditionellem 'Knowhow' in den Handwerksfächern und neuen Technologien sowie die komplexen Materialien. Das Ziel ist es, erkennbare Gegenstände zu schaffen, die aber gleichzeitig wegen ihrer andersartigen Materialien und ihrem technologischen Können unvorhersehbar und unkonventionelle erscheinen. Beim Climate Dress handelt es sich um ein handgemachtes Kleid, das also die erkennbare Funktion eines Bekleidungsgegenstandes hat. Gleichzeitig aber hat es eine - für Bekleidung generell - ganz andere und unkonventionelle Funktion. Mit kleinen in den Stoff eingestickten Sensoren kann das Kleid die CO2-Konzentration in der uns umgebenden Luft wahrnehmen und dies mit den kleinen Leuchtdioden anzeigen.

Die Diskussion über die globale Erwärmung ist konstant am brodeln, und es werden markante Veränderungen für unseren Planeten vorhergesagt. Wenn wir nicht bald den enormen Mengen an Kohlendioxide (CO2), die ausgeleitet werden, Einhalt gebieten, wird die globale Durchschnittstemperatur ansteigen mit Konsequenzen für Natur, Tierwelt und Menschen zu Folge. Die Diskussionen über und Messung von CO2-Partikeln ist für die meisten von uns ein sehr distanzierter und kaum greifbarer Prozess. Man fühlt sich leicht von den großen und internationalen Klimakonferenzen, die eben diese Fragen behandeln, distanziert. Und man kann sogar dazu kommen einfach zu vergessen, dass dies auch eine Bewegung ist, bei der man selbst die Verantwortung hat, Veränderungen zu schaffen.

Mit der Eingliederung einer sensorischen Funktion, die CO2-Ausleitung um uns messen kann, in einen Bekleidungsgegenstand und Textilien, wird der Prozess jedoch viel gegenwärtiger für uns. Die Menge des CO2 um uns herum wird deutlich. Wir können nicht umgehen, uns dazu zu verhalten, wenn das Kleid, dass wir tragen, uns daran erinnert.

Climate Dress wurde unter dem Klimagipfeltreffen, COP15, 2009 in Kopenhagen vorgestellt. Es sollte ein konkreter Kommentar zu der hochaktuellen Herausforderung sein, die in der globalen Erwärmung liegt.

Das Kleid fordert jedoch auch die Weise, in der wir normalweise und ganz generell Kleider und Textilien verstehen, heraus. Durch die Einbeziehung digitaler Sensoren in das Handwerk, mit dem das Kleid geschaffen wurde, ist es nicht nur ein Bekleidungsgegenstand, das uns warm hält und dekorativ ist. Es soll (offenbar) auch ein Kommentar zu einer großen internationalen Herausforderung sein. Im Climate Dress wurde ein besonderer stromführender Faden angewandt. Der Faden ähnelt sehr dem Typ Faden, der in der Stickerei angewendet wird. Er hat "nur" die besondere Eigenschaft, Strom leiten und die hunderten von Leuchtdioden einschalten zu können. Es ist also durch einen unmittelbar unsichtbaren Unterschied im Typ des Fadens, dass Diffus Design mit ihrem Design ganz neue Methoden und Eigenschaften im traditionellen Stickereihandwerk initiiert. Man könnte sagen, dass durch eine Revitalisierung des Handwerks neue Auffassungen eröffnet werden, was Kleidung kann uns soll.

Wie einleitungsweise erwähnt, ist es eben die Fähigkeit, unsere üblichen Auffassungen herauszufordern über das, was wir normalerweise mit Kleidung und Kleidern verbinden, die Climate Dress als kritisches Design charakterisiert.

Ein oft benutztes Beispiel für kritisches Design ist die Erfindung des MP3-Players. Sie führte zu einer völlig neuen Praxis in der Musikwiedergabe. Plötzlich konnte man seine Musik überall mitbringen. Und die Musik, die man in den Ohren hatte, konnte die Art, wie man seine Umgebung auffasste, beeinflussen.

Man könnte sagen, dass das Climate Dress an den gleichen Knöpfen dreht wie der MP3-Player. Sie bewegen sich im Grenzgebiet des kritischen Designs. Kleider und Kleidung wird oft mit anderen Bekleidungsgegenständen verbunden, wo Trends und Saisonmoden den Rahmen bestimmen. Wenn das Kleid jedoch plötzlich die CO2-Konzentration in der umgebenden Luft messen kann, ist dies nicht ein Bruch mit den Konventionen, die normalerweise mit Kleidung verbunden sind. Das Kleid bekommt auch einen Platz in einer ganz neuen Kategorie: die Klimadebatte der politischen Arena.

Kennzeichnend für das kritische Design ist nicht unbedingt ein Ziel, die Ausformung und das Aussehen der konkreten Gegenstände zu verändern. Das Entscheidende dahingegen ist, dass die Erlebnissen und Erfahrungen, die man mit dem Umgang mit den Dingen bekommt, herausgefordert und verändert werden. Wenn Diffus Design das traditionelle Handwerk bewahrt und hier neue Technologie einfügt, scheint es in eben dieser Kombination zu sein, dass man das Radikale identifizierten kann.

Wenn uns ein im Ausgangspunkt traditionelles Kleid vorgestellt wird, haben wir eine Erwartung, was es ist und kann: Bekleidung, die wir anziehen können. Aber wenn sich herausstellt, dass das Kleid etwas ganz anderes und viel mehr kann, in diesem Fall CO2 messen, wird unser ganzer Erwartungs- und Begriffsapparat herausgefordert.

Mit der Einarbeitung eines stromführenden Fadens in traditioneller Stickerei ist das Climate Dress also ein Beispiel dafür, wie man gleichzeitig mit traditionellem Handwerk und neuen Technologien arbeiten kann. In intelligenter Vereinigung kann dies die Spielregeln ändert - für sowohl Technologie wie Handwerk.