Homo Faber | Næstved Museum

Homo Faber

EINE AUSSTERBENDE RASSE?

Lampen aus Robbenfell, eine Kombination aus Aufbewahrungsmöbel und Plattenspieler und eine handgebautes Motorrad. Alles Gegenstände, die auf irgendeine Weise Technologie und Kunsthandwerk verbinden. Und damit haben sie sich einen Platz in der Ausstellung 'Pimp Your Ride!' im Designmuseum Næstved verdient. Es sind jedoch nicht nur Kunsthandwerk und Technologie, die in diesen und den übrigen ausgestellten Gegenständen vermischt werden. Sieht man sich die Gegenstände näher an, ihre Materialien, Entstehung und Produktionsformen, sind sie in mancherlei Hinsicht Hybriden. Sie stehen als klare Beispiele für unsere Zeit, wo neue technologische Möglichkeiten, soziale Medien und die Globalisierung mit sich geführt haben, dass wir uns immer mehr zurück an Nähe, Authentizität und Persönlichkeit wenden. Mit der Aufforderung, die Geschwindigkeit zu senken und das Bewusstsein über das von Menschen geschaffene zu erweitern, werden die ausgestellten Gegenstände unsere Aufmerksamkeit verlangen, unsere Betrachtungen und unser Einleben - alles mit Ansatzpunkt im Handwerk.

HYBRIDEN ZUM NACHDENKEN

Hybridisierung und Hybriden sind Begriffe, die man gern mit der Biologie verbindet. Hier definiert man eine Hybride als eine Mischung von zwei verschiedenen Arten, die normalerweise zusammen keine Jungen bekommen oder Samen befruchten können. Wenn man von 'Design-Hybriden' spricht, und so kann man die ausgestellten Gegenstände im Designmuseum Næstved sehr wohl kategorisieren, sehen wir hier Beispiele von vergleichbaren Phänomenen: Gegenstände, die Mischungen und Kreuzungen aus Materialien und Produktionsformen sind, die man sich sonst nicht in Vereinigung vorgestellt hätte.

Diese Kreuzungen ermöglichen jedoch ganz neue und einzigartige Qualitäten und Eigenschaften, eben wegen ihren (zuweilen) überraschenden Kombinationen. Jens Frederiksens 'Cigar Box Guitar' und Charlotte Bodil Hermansens 'Seal Bell'-Lampe sind beide Beispiele für Design, wo zwei sonst unvereinbare Gegenstände und Materialien vereint worden sind. Man lässt sich vom Einfallsreichtum, der hinter der 'Cigar Box Guitar' liegt, beindrucken und amüsieren. Die putzige Transformation einer simplen Zigarrenkiste, sodass sie nun als Resonanzkammer einer Gitarre dient. Man könnte sich sehr wohl vorstellen, dass die 'Seal Bell'-Lampe Diskussionen und Empörung hervorruft, wenn sie Robbenfell für die Bekleidung des Lampenschirms benutzt. Und vielleicht ist genau das der Sinn.

Diskussionen und Betrachtungen durch Aha-Erlebnisse anzuregen und neue Wahrheiten nachzuweisen, ist ein durchgehendes Thema bei vielen der ausgestellten Gegenständen. Es ist aber auch kennzeichnend für viel von dem Design, das in diesen Tagen das Licht der Welt erblickt.

Viele der Waren und Designgegenstände, mit denen wir uns umgeben, sollten gerne mehr Bedarf decken als den rein funktionellen. Als Verbraucher haben wir heute sehr komplexe Bedürfnisse, viele von ihnen nicht weiter erkennbar und konkret. Es dreht sich um Gefühle und Werte, die wir unseren Gegenständen zuschreiben. Am liebsten sollten sie unsere politischen, sozialen, wirtschaftlichen und umweltpolitischen Standpunkte widerspiegeln.

In einer Welt, wo es so viele verschiedene Dinge gibt, fordert es schon einiges von einem Designer, dass seine Produkte sich von der Menge abheben. Viele der Produkte, die sich heute markieren, sind daher diejenigen, denen es gelingt, soziale und politische Themen anzusprechen. Einfach nur durch ihre Präsenz und den Visionen, aus denen sie geschaffen sind.

Die in der 'Pimp your ride'-Ausstellung zu findenden Gegenstände treten eben wegen ihrer Eigenschaft als Hybriden in eine heutige Diskussion ein. Sie zwingen uns sich zu Fragen über Tragfähigkeit, Luxus, Produktion und den dahinterstehenden Produzenten zu verhalten. Dies sind alle Aspekte, die weit über den Gegenstand an sich hinausreichen.

Mit Recyclingmaterialien, afrikanischen Prints und den Namen der Person, der diese Tasche gemacht hat, ins Fitter eingenäht, stellt Bangura Bags nicht nur Tragfähigkeit in den Vordergrund. Die Tasche wird auch durch das angewandte Material und auf Grund des Namens eben dieser Frau oder dieses Mannes, die genau diese Tasche geschaffen hat, ein sehr persönliches Produkt. Auf gleiche Weise verweisen auch die sehr eigentümlichen und charakteristischen Textilprints auf die "Heimat" der Tasche: Afrika. Das Persönliche und Authentische spiegelt sich insbesondere im Handgemachten wider. Genau das ist der gemeinsame Nenner für alle die ausgestellten Gegenstände. Das Handgemachte ist, was allen Gegenständen eine putzige, provozierende, zum Nachdenken anregende und bestätigende Qualität gibt.

Aber wie kann es sein, dass es ausgerechnet das Handwerk ist, zu dem die Designer zurückkehren? Und warum es mit technologischen Produkten vereinen, die sont einfach maschinell gefertigt werden könnten?

DIGITALES HANDWERK

Heute gibt es kaum Dinge oder Teile unseres Lebens, die nicht mechanisiert sind (oder es werden könnten). Seit der Industrialisierung war Technologie der Weg vorwärts, um alle Dinge und Prozesse effektiver, cleverer und immer mehr abgesondert von unseren Leben und Alltag zu machen. Hinzu kommt auch die Digitalisierung. Jetzt können wir mit nur einem Ding - unserem Smartphone oder Tablet-PC - in sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram leben und eingehen. Wir können mit unseren Freunden und Bekannten interagieren, ohne diese Menschen vor uns zu haben. Wir können Patiencen legen, ohne überhaupt eine einzige Spielkarte in der Hand zu halten. Wir können sogar Handarbeiten machen. Durch einfaches Tasten und den Funktionen der Apps auf unseren Tablet-PCs und Handys können wir Keramik drehen, digitale Perlenplatten machen und Bilder "malen".

Homo Faber ist die lateinische Bezeichnung für 'den schöpferischen Menschen'. Ein schaffender Mensch, der künstliche (im Gegensatz zu den naturgeschaffenen) Gegenstände und Werkzeuge herstellt, die von Nutzen sein können. Genau solange wie wir Gengenstände gekannt haben und uns zur materiellen Kultur verhalten haben, war es aus der Erkenntnis, das aller Dinge Ursprung der Schaffensdrang des Menschen ist. Die Unzahl der Handarbeitsapps für unsere Handys und Computer weisen auf das große Interesse für eben diese grundlegende kreative Entfaltung und dem heutigen Schaffensdrang hin. Aber es scheint auch, ein unumgängliches Paradox zu sein, Handarbeiten zu machen, ohne überhaupt jemals Lehm, Nadel und Faden oder Pinsel in die Hand zu nehmen.

Die ausgewählten und ausgestellten Gegenstände im Designmuseum Næstved sind jedoch Designgegenstände, die über ihre innenwohnende Kombination von Kunsthandwerk und Technik hinaus eben diesen Gegensatz ansprechen zu scheinen. In ihnen liegt auch eine implizite Kritik an den neuen Technologien und der Geschwindigkeit, aus denen viele Gegenstände von heute entstehen. Durch das Einfügen des Handgemachten geschieht eine Auseinandersetzung mit der Tendenz, wo prinzipiell alles maschinell gefertigt werden kann. Kurz gesagt: Man kann ein Zurückwenden zum Handwerklichen, zu Naturmaterialien und zur Vertiefung identifizieren.

SLOW LIVING

In der 'Pimp Your Ride'-Ausstellung haben wir eine Reihe Gegenstände in einer Kategorie gesetzt, die wir Slow Living nennen.

Die Slow-Bewegung handelt, wie der Name andeutet, von Langwierigkeit. Sie handelt auch von Vertiefung und Qualität, anstatt durch seine Tätigkeiten zu hasten. Es geht darum, so gut wie möglich zu handeln, und nicht so schnell wie möglich. Die Slow-Bewegung wurde ursprünglich vor etwa 20 Jahren in Italien mit der Slow Food-Bewegung initiiert. Sie entstand als Reaktion gegen die Fastfoodkette McDonald's. Die Bewegung arbeitetet für eine Huldigung der lokalen und biodynamischen, jahreszeitbestimmten Zutaten und für die Gründlichkeit in der Essenszubereitung. All das, was man als Gegenteil zu den Fastfoodketten sah. Die Slow Food-Bewegung hat seitdem viele andere vergleichbare Bewegungen mit sich geführt, so wie Slow Travel, Slow Thinking, Slow Schools und andere. Sie sind alle Zweige, die unter einem vereint werden können: Slow Living.

Die Lebensweise und die Rituale, die unsere ausgewählten Gegenstände verlangen, oder zu denen sie auffordern, sind also wie aus dem Slow-Handbuch entnommen. Wenn Hugh Miller ich dazu entscheidet, einen vintage Bang und Olufsen-Plattenspieler in sein Aufbewahrungsmöbel einzubauen, ist dies genau ein Ausdruck für diese Tendenz. Mit der Erfindung der MP3-Dateien kann die Musikwiedergabe leicht und schnell geschehen durch einen Knopfdruck am Computer. Hugh Miller dahingegen legt auf eine in jeglicher Hinsicht "mühsamere" und zeitaufwendige Wahl der Musikwiedergabe an. Er verlangt einen sehr aktiven und interagierenden Zuhörer, der zuerst die Schallplatte aus dem Cover nehmen, dann den Pickup anheben und ihn wieder niedersenken und auch die Umdrehungszahl wählen muss. Und genau das ist, worum es geht.

Tempo und Effektivität sind nämlich kein Thema, die sich gehören, wenn man langsam lebt und gern vom Tempo einer Gesellschaft Abstand nehmen will, die von schnellen Medien, Effektivierungen und einer 'emsig ist am besten'-Philosophie geprägt ist.

Mit der Wahl des Kunsthandwerks als Gegengewicht zum Technologischen, was die ausgestellten Gegenstände alle repräsentieren, ist generell ein impliziter Pfeil auf viele der Werte gerichtet, für welche die Slow-Bewegung steht. Man kann bei vielen der Gegenstände eine Huldigung des "Mühsamen" an Stelle von den bequemen Lösungen identifizieren. Wenn Wrenchmonkees Motorräder von Hand fertigen, wenn Pernille Bülow ihre Lampen mundbläst, und wenn der Designerzusammenschluss Superlocal dafür arbeitet, soziale Relationen aufzubauen, und Handwerkstraditionen (wieder)aufzubauen, indem sie ausschließend Recyclingmaterialien anwenden, ist dies genau ein Ausdruck dafür, dass die Designer nicht den Weg des kleinsten Widerstandes wählen. Ein Beispiel von Superlocals Produktion ist der ausgestellte Fön aus mundgeblasenem Glas, recyceltem elektronischen Gerät und ein wiederverwendbares Material wie Kork.

Die 'mühsame Lösung' soll jedoch in keiner Weise negativ verstanden werden. Im Gegenteil. Das Mühsame ist in diesem Zusammenhang das Gleiche wie Vertiefung. Es ist die Verarbeitung des Materials, es ist das Persönliche in den Produkten, es ist die Qualität des Materials, die Haltbarkeit und das Einmalige.

DIE WICHTIGKEIT DER SINNLICHKEIT           

'Pimp Your Ride' ist also eine Huldigung des Handwerks, der Verarbeitung und der Gründlichkeit in der Produktion von Gegenständen und der Menschen dahinter. Allen den ausgestellten Gegenständen ist gemeinsam, dass sie durch ihre Materialien und Verarbeitung deutlich auf die menschliche Hand, die sie erschaffen hat, zurückverweisen.

Damit berühren wir ein Thema, das ein Steckenpferd des deutschen Sozialisten Karl Marx war: der Warenfetischismus. Aus der Sicht des Marxismus beschreibt dieser Terminus, dass der Kapitalismus die Verbinding zwischen Arbeitskraft, Produktion und Produkt verfremdet. Anders gesagt: Man sieht die einzelnen Gegenstände ausschliesslich als isolierte Konsumgüter, die den Prämissen der Marktkräfte unterliegen. Dadurch vergisst man, dass sie in Wirklichkeit Produkte menschlicher Arbeit sind. Kauft man eine Ware, ist sie laut Marx nicht nur der physische Gegenstand, den man erwirbt. Man kauft auch die Arbeitskraft und all die Arbeitszeit, die in die Fertigung des Gegenstandes investiert wurden.

Marx benutzte den Begriff Verfremdung, um die Trennung von Arbeitskraft und Produkt durch den Kapitalismus zu erklären. Der Terminus Verfremdung soll hier als Zustände und Verhaltensweisen bei Individuen, Institutionen oder der gesamten Gesellschaft, die von wesentlichen Eigenschaften in sich selbst verfremdet wurden, verstanden werden. Menschlichen Eigenschaften könnten beispielsweise sein: auf Arbeit gehen, mit anderen sozialisieren oder sich kreativ ausdrücken.

Wenn die kreativen Fächer in den Schulen markant abgewertet werden, oder wenn die kreative Entfaltung in erster Linie in Apps im Handy geschieht, sind wir auf dem Weg in eine Verfremdung der kreativen und handwerklichen Eigenschaften und Entfaltungen. Die gegenwärtige Ausstellung möchte dazu beitragen, diese Entwicklung anzufechten.

(fotos: Morten Dahl Hansen)

Die ausgestellten Gegenstände sind alle in irgend einer Weise Handgemacht oder sind von einem Kunsthandwerk geprägt. Damit wird unser Blick auf eine Formsprache und Eigenart geleitet, die und auffordert, innezuhalten und über die Entstehung und Anwendung der Dinge nachzudenken. Und das geschieht auf eine ganz andere Weise, als massenproduzierte, unpersönliche Waren es können.

'Pimp Your Ride' ist damit auch ein Aufruf und eine Mahnung zur Wichtigkeit der Sinnlichkeit. Und dafür gibt es besonders drei Gründe.

Wenn die gegenwärtige Ausstellung im Designmuseum Næstved den Namen 'Pimp Your Ride' bekommen hat, ist dies nicht nur ein Hinweis darauf, dass die ausgestellten Gegenstände in eine persönlichere und mehr handverarbeitete Richtung bearbeitet und manipuliert wurden. Es ist auch eine Herausforderung, die Sache in die eigene Hand zu nehmen, und ein Angebot, die Dinge, mit denen wir uns umgeben, auf neue Weise zu betrachten.

(fotos: Morten Dahl Hansen)

Darüber hinaus schreiben wir unseren Dingen und Gegenständen einen anderen Wert zu, wenn wir sie selbst gemacht haben oder uns bewusst sind, dass sie handgemacht (und möglicherweise einmalig) sind. Dies führt auf der einen Seite den Gegenständen Luxus zu, aber auch eine Verbindung, welche die Waren von den anderen unterscheidet und es (hoffentlich) erschwert, sie wieder wegzuwerfen. Und damit ist auch ein Kommentar zur Wegwerfgesellschaft gegeben.

Letztlich bekommen wir ein völlig anderes Erlebnis und eine ganz andere Aneignung durch körperliche Erfahrung. Wenn man mit einem Klumpen Lehn in der Hand sitzt, kann man sein Gewicht, seine Struktur und das Material mit eigenem Körper erfahren. Das erlebt man nicht, wenn man mit einer App im Handy Keramik "dreht". Oder es einfach weg-"swipen" kann, wenn irgend etwas spannenderes auf unserer Facebook-Wand auftaucht. Kreative Entfaltung verlangt kurz gesagt unsere völlige Aufmerksamkeit, Gegenwärtigkeit und Vertiefung. Bei den ausgestellten Gegenständen ist es natürlich in erster Linie der Designer, der diese Erfahrung erlangte. Unsere Hoffnung mit dieser Ausstellung ist jedoch, das Besondere und Einzigartige der handverarbeiteten Gegenstände anzusprechen. Wir möchten das Publikum dazu anregen, selbst zu interagieren, selbst mit dem Design weiterzuarbeiten, oder irgendwie selbst Erfahrungen mit Handarbeit zu bekommen.

Einem technologischen Gegenstand einen Touch von Handwerk zuzufügen, ändert nicht an der ursprünglichen Funktion der Dinge. Es wurden auch keine neuen bahnbrechenden Erfindungen geschaffen. Dahingegen wird die handwerkliche Eigenart genau die Eigenschaft, die unsere Vorstellungen darüber, wie Dinge 'normalerweise' sind, herausfordert. Eben die Eigenschaft, die uns dazu verleitet, innezuhalten und die Werte der Vertiefung, der Anwesenheit und der Langwierigkeit neu zu überdenken. Kurz gesagt: Werte des Handwerks und der Handarbeit.